Kritik zum Konzert vom 02. Juli 2016

Vesselina Kasarova mit dem Arpeggione-Orchester; Foto Fritz Jurmann
Vesselina Kasarova mit dem Arpeggione-Orchester; Foto Fritz Jurmann

 

Ein Abend, der Geschichte geschrieben hat

 

 

Arpeggione erwies sich in der Pfarrkirche mit Starglanz als Toporchester

 HOHENEMS. Natürlich war es schade und die Enttäuschung groß bei der treuen Arpeggione-Familie und den emsigen Veranstaltern rund um Organisationsleiter Josef Kloiber, dass das jährliche Open Air am Samstag vom Palasthof in die nebenliegende Pfarrkirche St. Karl verlegt werden musste. Doch der Regen wurde letztlich zum Segen im Sinne einer weit höheren programmlichen Übereinstimmung mit dem Spielort und einem musikalischen Ergebnis, das im aufregendsten Arpeggione-Konzert seit Jahren gipfelte.

 

Gustav Mahlers „Kindertotenlieder“, die man auf Wunsch der hier zum zweiten Mal gastierenden Mezzosopranistin Vesselina Kasarova (50) ins Programm hievte, wären im stimmungsvollen Sommerabend-Ambiente des Hofes deplatziert gewesen. Hier aber erhalten sie die Würde des Sakralraumes samt seiner wunderbar tragenden Akustik. Die an den großen Opernhäusern der Welt tätige bulgarische Sängerin, die in Zürich lebt, legt in bewundernswerter Offenheit ihre persönliche Ausdruckspalette an Schmerz, gezügelter Leidenschaft und höchster Intensität in diese fünf Gesänge, die Mahler nach ergreifenden Textvorlagen von Friedrich Rückert über dessen eigenen Verlust geschaffen hat. Sie sind in ihrer existenziellen Verlorenheit und Leidensbereitschaft singulär in der gesamten Musikliteratur. Getragen von der in karger Instrumentierung und fahlen Farben gehaltenen Orchesterbegleitung entwickelt sich wunderbar ihr dunkles Timbre, das Kasarova bis in beängstigende Tiefen auskostet, ihre makellose Diktion macht auch das Fehlen einer im Programm abgedruckten Textvorlage vergessen.

 

„Eroica“ als Wurf

Das Orchester gibt ihr zurückhaltend jeden möglichen Raum zur Entfaltung und deutet bereits hier sein Ausnahmeformat an, das es unter dem zum zweiten Mal tätigen chinesischen Dirigenten Muhai Tang erreicht. Und das ist es auch, was im zweiten Teil Beethovens kämpferische „Eroica“ zum großen Wurf für Arpeggione macht, das hier stellenweise tönt wie eines der großen internationalen Originalklang-Orchester. Es ist, als ob der herausragende 67-Jährige mit dem Temperament eines jungen Wilden und die Musiker einander in Bezug auf Qualitätsbewusstsein, Klang, Präzision und Dynamik gegenseitig aufschaukeln würden. Tang, im Fahrwasser eines Karajan groß geworden, steht im Altarraum dicht vor seinem Orchester, geht aber oft noch in die Orchesterreihen, um dort anzufeuern und letzte Reserven zu mobilisieren, betont Stereo-Effekte, hüpft und rudert so gewaltig, dass er am Schluss schweißgebadet die Ovationen des Publikums entgegennimmt. Zu Recht, denn sein Konzept legt in einer oft schroffen Deutung unglaublich viel vom martialischen Gerüst dieser hoch politischen und wegweisend modernen dritten Symphonie Beethovens frei: Siegesstimmung mit Trompetensignalen, die sich durch das Werk ziehen und in schmerzhaften Dissonanzen und hartnäckigen Tutti-Schlägen gipfeln, aber auch die Schönheiten der Solobläser im Trauermarsch mit den führenden Stimmen Hossein Samieian, Flöte, und Adrian Buzak, Oboe. Den kompakten Streichern mit Konzertmeister Soltan Tuska gelingt dort ein Pianissimo, wie man es bei diesem Orchester noch nie erlebt hat, die Hörner haben im Trio des Scherzos ihren sauber bewältigten großen Auftritt. Eine Aufführung, die durch Präzision und Brillanz, vor allem aber durch die spürbar hohe Einsatzbereitschaft begeistert. Und damit ein Abend, der Geschichte geschrieben hat. Der künstlerische Leiter Irakli Gogibedaschwili augenzwinkernd auf die VN-Frage, ob Kasarova wieder kommen werde: „Ja, denn Vesselina liebt mich!“ 

 

Vorarlberger Nachrichten, Fritz Jurmann

 

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