Kritiken zum Konzert vom 21. März 2015

„Arpeggione“ startete mit einer Uraufführung von Murat Üstün in die 25. Jubiläumssaison

 

HOHENEMS. Musiker, die laut in ihrer Muttersprache schwatzend das Podium betreten, demonstrativ lange ihre Instrumente einstimmen und dann eine Musik spielen, die wohl die meisten der vielen Zuhörer im Rittersaal des Palastes als wenig schön empfunden haben: So spektakulär wie noch nie seit seiner Gründung startete das Kammerorchester „Arpeggione“ am Samstag in seine 25. Jubiläumssaison.

Dieser Paukenschlag ist Teil einer Art Inszenierung, mit der der türkischstämmige Vorarlberger Komponist Murat Üstün (55) sein Auftragswerk „Spektrum“ einleitet. Erstmals spricht er damit auf seine Weise ein gesellschaftspolitisches Thema an, die Kommunikation in dem mit Musikern aus zwölf Nationen besetzten Orchester und im weiteren auch den Umgang mit Migranten in diesem Land. Üstün reagiert darauf zunächst mit scharfen Dissonanzen und einer Art Chaos, wie man sie von seiner sonst eher konventionellen Musiksprache bisher nicht gewohnt war. Doch mit der Zeit wird seine Musik immer konkreter, Themen treten hervor und Rhythmen, die an Musik seiner türkischen Heimat erinnern. Nach zwei verspielten Col-Legno-Episoden ist das kurze Stück mit einem mächtigen Schlussakkord auch schon vorüber. Ebenso kurz, aber herzlich ist der Applaus des Auditoriums. Vielleicht hätten eine andere Platzierung des Werkes im Programm und ein paar einführende Worte durch den anwesenden Komponisten das nötige Verständnis beim Publikum geweckt.

 

 

Hoch konzentriert

Chefdirigent Robert Bokor steht an diesem Abend am Pult, und das ist mittlerweile ein Garant für ein perfekt vorbereitetes, hoch konzentriert mitgestaltendes Orchester, das diesmal nur aus Streichern besteht. Schon bei der Uraufführung Üstüns, der es ihnen nicht leicht gemacht hat, lassen sie alle erdenkliche Sorgfalt walten. Besonders zu liegen scheint den vor allem aus dem slawischen Kulturkreis stammenden Musikern das Konzert für Violine, Violoncello, Klavier und Orchester des Tschechen Bohuslav Martinu. Erstmals zu Gast für den extrem fordernden Solopart ist das durch Auftritte und CDs international geschätzte junge „Swiss Piano Trio“, das in engem Einvernehmen mit dem Orchester seinen Part auf herausragendem Niveau, mit großer Leidenschaftlichkeit und Kraft erfüllt, wild aufbrausend in den Ecksätzen, melancholisch sanglich im Andante, übermütig im Scherzo. Freilich bedeutet die geschärfte, neoklassizistische Tonsprache des 1933 entstandenen Werkes für die Zuhörer erneut eine Herausforderung, die sie diesmal begeistert annehmen.

Der volle, satte Klang eines gut eingestimmten und geführten Streichorchesters entfaltet sich in der bei uns wenig bekannten Streicherserenade des Tschechen Josef Suk, einem Jugendwerk des 18-Jährigen, das 1892 hörbar im Fahrwasser seines Lehrers und Schwiegervaters Dvorak entstanden ist. Robert Bokor achtet dabei auf klare Linienführung, Transparenz und Schönheit dieser Musik, betont in seinem eleganten Dirigat auch die melancholischen Seiten im düsteren Adagio und wiederholt in der allgemeinen Begeisterung über so viel schöne Musik die duftige Walzermelodie des zweiten Satzes als Zugabe.

 

Vorarlberger Nachrichten, Fritz Jurmann

 

 

Neue Saison, neue Musik

 

Das Arpeggione-Orchester brachte zum Saisonauftakt eine Uraufführung von Murat Üstün zu Gehör. Mit dieser Saison feiert das Kammerorchester Arpeggione sein 25-jähriges Bestehen. Das Eröffnungskonzert desselben am Samstag im gut geheizten Rittersaal des Palastes Hohenems begann mit einer Uraufführung. Der künstlerische Leiter des Arpeggione, Irakli Gogibedaschwili, hat anlässlich des Jubiläums einen Kompositionsauftrag an Murat Üstün erteilt, und dieser schrieb „Spektrum“ dem Orchester auf den Leib. Denn „Spektrum“ meint nicht nur die hier naheliegende Vielfalt der Klänge eines Orchesters, sondern der Komponist spielt hier auch an auf die Vielfalt der Nationalitäten der Orchestermitglieder. Es ist Teil der Komposition, dass diese, plaudernd in ihrer jeweiligen Sprache, auf das Podium kommen. Zuerst bruchstückhaft, dann nach und nach fließender entwickelt sich die Musik, wobei die Celli eine Vorreiterrolle spielen. Melodische Prozesse greifen Raum, die aber recht unvermutet enden und mit ihnen die ganze Komposition. Man hätte sich gewünscht, diese durchaus spannende Konzeption noch weiter zu verfolgen, in diesem „Spektrum“ noch mehr Facetten entdecken zu können. Murat Üstün wäre nicht der erste Komponist der Musikgeschichte, der ein bereits aufgeführtes Werk noch einmal in die Arbeit nimmt – in diesem Fall würde es sich lohnen.


Anspruchsvoll wie bei dieser Uraufführung waren auch die weiteren Werke ausschließlich für die Streichorchesterbesetzung. Zu dieser kam beim „Konzert“ von Bohuslav Martinu ein Klaviertrio in der Rolle der Solisten. Hier waren es Angela Golubeva, Violine, Martin Lucas Staub, Klavier, und Sébastien Singer, Cello, kurz das „Schweizer Klaviertrio“. Ihnen und dem Arpeggione unter seinem Chefdirigenten Robert Bokor gelang eine dichte Darbietung mit mitreißender Rhythmik und leidenschaftlichen Klängen.


Entspannung in schwelgender Schönheit war nach der Pause mit Josef Suks „Streicherserenade“angesagt. Der Komponist schrieb diese Serenade als 18-Jähriger unter dem Eindruck seines Lehrers und späteren Schwiegervaters Antonin Dvorak. Hier zeigte sich klar, auf welch schönem Niveau das Arpeggione-Orchester sich unter seinem Chef Robert Bokor befindet. Es kann getrost das anspruchsvolle Programm seines

Jubiläumsjahres angehen.


Neue, Anna Mika

 

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