VN-Kritik zum Konzert vom 20. Oktober 2012

Konstantin Lifschitz "Temperamente"

Ergebnis konsequenter Aufbauarbeit

 

Es ist schon erstaunlich, wie weit sich Irakli Gogibedaschwili, bereits legendärer künstlerischer Leiter und Langzeit-Bratschist beim Kammerorchester "Arpeggione", mit seinen Programmen in wenig bekannte Gefilde vorwagen kann, ohne dass ihm deswegen sein Stammpublikum die Gefolgschaft versagen würde.

 

Auch beim letzten Konzert der Saison am Samstag im Rittersaal blieben nur wenige Plätze frei, obwohl der Abend fast ausschließlich der "klassischen Moderne" des 20. Jahrhunderts mit Hindemith und Enescu galt. Durchaus packende, tonale Musik, die bei den Zuhörern rasch auf Verständnis und deutliche Zustimmung gestoßen ist. Das ist sicher auch das Ergebnis einer über 20-jährigen konsequenten Aufbauarbeit, der Pflege einer fast familiären Atmosphäre rund um die Konzerte und im speziellen Fall auch der Attraktivität eines internationalen dirigierenden Pianisten wie des charismatischen jungen Russen Konstantin Lifschitz.

 

Intensität und Spannung

 

Er zaubert am Pult mit Griegs zwei "Elegischen Melodien" herbstliche Wehmut und mit dem "Letzten Frühling" den einzigen "Ohrwurm" des Abends in den Saal. Wirklich in seinem Element zeigt sich der Doppelbegabte dann als Solist am Flügel, von wo aus er auch das Orchester in den "Vier Temperamenten" von Paul Hindemith leitet, die diesem Programm das Motto gaben. Der deutsche Komponist hat diese originelle Ballettmusik 1940 in der Emigration geschaffen und im virtuosen Dialog zwischen einem expressionistischen Klavierpart und variablen Streichern die Unterschiede der vier Charaktere anschaulich herausgearbeitet. Die Wiedergabe besticht mehr durch Intensität und Spannung als durch äußere Schönheit. Berührend dabei ein Duett der fantastischen russischen Konzertmeisterin Maria Azova mit dem Pianisten, der schlussendlich auch den Kampf gegen seine widerspenstigen Noten gewinnt.

 

Hat Lifschitz hier mit viel Kraft die virtuose Pranke des Konzertpianisten walten lassen und mit dem ersten Kontrapunktus aus Bachs "Kunst der Fuge" als Zugabe sein Gespür für klare Linienführung am Klavier gezeigt, präsentiert er sich mit dem Oktett des Rumänen George Enescu auch als angehender Dirigent.

 

Ohne Stab, mit bloßen Händen die Musik modellierend, gelingen ihm in dem vielstimmig komplexen Werk zahlreiche interessante Momente, doch wirkt seine Arbeit mit dem Orchester oft noch oberflächlich. So hat man die versierten "Arpeggione"-Streicher schon weit sauberer gehört als im sehnsüchtigen ersten Satz, auch weit präziser als im bewegten zweiten. Das Walzerfinale aber wird zur gemeinsam gestemmten, beeindruckenden Apotheose. Auch die vielen schönen Solostellen betont Lifschitz zuvor, umarmt im Jubel des Publikums am Schluss jede und jeden dieser Musiker.

 

von Fritz Jurmann

 

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