VN-Kritik zum Konzert vom 18.Oktober 2014

Ein Traum oder Alptraum mit Verdi

Ein vielfältiges Arpeggione-Programm mit Urauff ührung und Klarinettensolo

Saisonschluss im Palast. Ein letztes großes Aufbäumen des Kammerorchesters Arpeggione garantiert am Samstag im Rittersaal den zahlreichen Besuchern einen vielseitig inspirierten, spannenden Abend auf hohem Niveau. Dafür bürgt auch der am Pult zwar oft lächelnde, in der Sache selbst aber höchst konsequente und kompetente Chefdirigent Robert Bokor, der sich am Ende beim Publikum auch für dessen „spürbare Liebe und Zuneigung“ zum Orchester bedankt. Mit „Hommage an Verdi“ ist das Programm überschrieben, und dafür steht gleich am Beginn ein Stück zeitgenössischer Musik. Der am Zürichsee lebende Komponist Martin Wettstein (44) hat „Verdis Traum“ dem Orchester in einer Spezialfassung für
Streichorchester gewidmet, die dabei ihre Uraufführung erfährt. Er beruft sich auf Verdis Oper „Macbeth“, zitiert Themen und typische Elemente dieser Musik, wie die oft belächelte „Leierkasten-Begleitung“, lässt Solisten wie Konzertmeister Gyula Gabova, das Cello oder den Kontrabass mit stilisierten Arien und Koloraturen solistisch hervortreten und macht doch etwas ganz Eigenes, Persönliches daraus, wie bei der Übermalung
eines Bildes. Man weiß zwar am Ende nicht, ist „Verdis Traum“ nun wirklich eine Hommage, die eher zum Alptraum gerät, oder doch mehr eine Parodie? Egal, das Stück ist originell und kommt an.

 

Brillanz mit Jazzigem
Eigentlich sollte sich das Thema Verdi danach mit einer Fantasie für Klarinette über Themen aus der Oper „Rigoletto“ vertiefen, doch hat es wieder einmal mit den Aufführungsrechten nicht geklappt. Das gibt der zum zweiten Mal eingeladenen israelischen, bei Sabine Meyer ausgebildeten Klarinettenvirtuosin Shirley Brill Gelegenheit, mit dem jazzbetonten Konzert von Aaron Copland zu brillieren. Er hat es 1947 für Benny Goodman komponiert, und so ist es amüsant angereichert mit Ragtime, südamerikanischen Rhythmen und Swing, die der Solistin im Blut liegen. Mit packendem Feeling erweckt sie alles zu sprühendem Leben, schnörkellos klar im Ton und ohne großes Vibrato, wie es ein solches Werk erfordert.
Allein die große Kadenz gerät zum leidenschaftlichen Ereignis, Dirigent und Orchester schaffen mit viel Einsatz die Grundlage für diese wunderbare Entfaltung der Solistin. Zusammen mit der Dirigententochter Maria Bokor am Klavier spielt Brill als Zugabe noch einen Ohrwurm aus diesem Genre, Gershwins zweites Prelude. Im zweiten Teil dann das Oktett von Mendelssohn, dieser unfassbare Geniestreich eines 16-Jährigen. In einem Arrangement werden die acht Stimmen fast durchgehend jeweils zwei Musikern übertragen, es gibt aber auch solistische Einwürfe. In dieser vergrößerten Oktettbesetzung ist auch ein Dirigent erforderlich. Robert Bokor sorgt jedoch für weit mehr als bloß genaue Einsätze. Er ruft in penibel ausgehorchter Feinarbeit orchestrale Wirkungen ab, wie das perfekt exekutierte Doppelfugato im Finale, versteht in größter Zurückhaltung aber auch sehr Filigranes aus diesem Klangkörper zu zaubern. So wird auch das luftig leichte Scherzo mit einer Vorahnung der späteren „Sommernachtstraum“- Musik zum Lehrbeispiel für hohe Streicherkultur. Große Zustimmung und Sympathie beim Publikum.

 

Von Fritz Jurmann

 

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